Das erste von drei Jahren meines Gesundheits-und-Krankenpflege-Studiums liegt nun hinter mir, ebenso die ersten vier Praktika. Zwischenfazit: Ich bin im Wiglwogl, wie man in Österreich so schön sagt. Fachlich bin ich Feuer und Flamme und der Umgang mit den Patienten macht mir Spaß. Meistens. Das (freiwillige!) positive Feedback meines Klientels bestätigt mir, dass ich mich für den richtigen Job entschieden habe. Einzig die fixen Arbeitszeiten und – vor allem – meine zukünftigen Kollegen bereiten mir Sorgen. Ich muss gestehen, ein Teil der Teamfähigkeit und Freundlichkeit, die mir bisher von jeder Praktikumsstelle attestiert wurden, war pure Schauspielerei. Ganz nach dem Motto „Die Gedanken sind frei“.
Ein Tag im Leben einer Pflegepraktikantin, Krankenhaus-Edition
Mein Wecker klingelt bereits um 4:30 Uhr. Das gibt mir die Möglichkeit, noch eine halbe Stunde lang so zu tun, als hätte ich frei, bevor ich um 5 Uhr dann doch widerwillig aufstehen muss. Welcher Wochentag heute ist, weiß ich schon lange nicht mehr, ich arbeite auch an Wochenenden, Feiertagen und nachts und habe dafür an ständig wechselnden Wochentagen frei.
Um 7 Uhr bzw. 19 Uhr ist Dienstübergabe zwischen Tag- und Nachtdienst. Mein Arbeitstag beginnt aber bereits 20 Minuten früher, zusätzlich zur offiziellen Arbeitszeit, da ich zuvor noch Dienstkleidung ausfassen und mich umziehen muss. Und die Wege zwischen Kleiderausgabe, Garderobe und der Station in so einem Krankenhaus können verdammt lang sein. Der erste Eignungstest für Praktikanten sieht immer gleich aus: Findet man innerhalb einer angemessenen Zeit den Weg von der Garderobe zu seiner Station oder geht man für immer im Labyrinth verloren?
Dienstübergabe. Jeder Pfleger erhält eine Übersicht über die Zimmerbelegung und die wichtigsten Informationen zu jedem Patienten. Außerdem werden relevante Vorkommnisse des Tages/der Nacht berichtet. Von Sketch bis Horrorstory, damit sich die Kollegen auf etwas gefasst machen können, kann das alles sein. In den ersten Tagen verstehe ich nur Bahnhof, am Ende eines jeden Praktikums jede einzelne Diagnose und Abkürzung – ich fühle mich dann immer wie ein Kind, das endlich am Erwachsenentisch sitzen darf. Und zack, ist das Praktikum wieder vorbei, ich komme auf eine neue Station und sitze wieder ahnungs- und planlos am Kindertisch.
Überhaupt sind die ersten Tage jedes Praktikums immer ziemlich anstrengend für mich. Als Mensch, der mit einem miserablen Namensgedächtnis und einem noch miserableren Personengedächtnis ausgestattet ist, schüttle ich fleißig alle mir unbekannt erscheinenden Hände und stelle mich artig vor. Bei manchen Kollegen dreimal, bei anderen nie. Bedauerlicherweise haben viele Ärzte und Pfleger ein ausgezeichnetes Namens- und Personengedächtnis und sind Wochen später immer noch beleidigt, weil ich mich nicht bei ihnen vorgestellt habe. Damit habe ich ihnen nämlich den ihnen zustehenden Respekt verweigert, mit voller Absicht.
Ein Praktikum dauert immer 4–5 Wochen, insgesamt sind bis zum Ende der Ausbildung 2.300 Praktikumsstunden zu absolvieren. Unbezahlt übrigens, obwohl wir Auszubildenden selbstverständlich nicht permanent damit beschäftigt sind, etwas zu lernen, sondern einen nicht unbeträchtlichen Teil der Zeit als gratis Hilfskraft mitlaufen, sobald wir die Basics draufhaben.
Dazwischen liegen die Theorieblöcke, an denen ich bis zu 6x pro Woche in der Fachhochschule bin. Ferien haben wir aufgrund der vielen Praktika so gut wie keine. Achtung, sollten Sie für sich oder Ihr Kind ein entspanntes Studentenleben anstreben, entscheiden Sie sich bitte für ein anderes Studium!
Einerseits müssen wir in den drei Jahren so viele Pflegetätigkeiten wie möglich erlernen, andererseits sind wir jedes Mal, wenn wir auf einer Station einigermaßen „angekommen“ sind, den spezifischen Tagesablauf intus haben, uns ein paar Namen gemerkt haben und die unzähligen Utensilien, Verbandsmaterialien, Spritzen, Infusionen, Geräte, Medikamente etc. finden, wieder weg.
Routine gewinnt man so leider nur in den Alltags-Tätigkeiten, ansonsten heißt „gelernt“ oft, ich habe etwas ein einziges Mal gemacht, unter Anleitung und Aufsicht. Wenn ich in zwei Jahren zu arbeiten beginne, kann ich mich im Zweifel gar nicht mehr daran erinnern, habe dann aber die Verantwortung dafür, es richtig zu machen. Schlimmstenfalls kann ein Fehler tödliche Folgen haben. Die Verantwortung ist enorm, nicht nur für Ärzte. Das Lernen hört also nach der Ausbildung nicht auf, sondern fängt dann erst richtig an.
Zu Hause üben fällt mangels Ausrüstung und freiwilliger Opfer leider flach. Herr Flanell weigert sich bis heute, sich von mir einen Blasenkatheter und eine Magensonde legen zu lassen, obwohl ich ihm ausdrücklich versichert habe, dass ich das kann. Die Puppe im Unterricht hat sich jedenfalls nicht beschwert. Gefäßzugänge darf ich ihm auch keine stechen. Eine richtige Mimose ist der! Die Frage, ob ich ihm einen Knochen anbohren darf, um ihm im Notfall Medikamente direkt ins Knochenmark zu verabreichen, kann ich mir vermutlich sparen.
Zurück zum Dienst. Nach der Übergabe in der Früh gibt es erstmal Medikamente und Frühstück für die Patienten und die ersten Stolperfallen für die Praktikanten. Das Frühstück, das für den Patienten bestellt und geliefert wurde, ist nämlich oft nicht das, was er auch bekommen darf. Die Magenspiegelung wurde vorgezogen? Der Patient muss nüchtern bleiben. In der Nacht musste spontan operiert werden? Der Patient darf erstmal nur Wasser und Tee trinken. Schluckweise, mit Strohhalm. Ein nüchterner Patient hat irrtümlich doch ein Kipferl bekommen? Anruf in der Endoskopie, dass die Darmspiegelung ins Wasser fällt; Änderung der Tages-Dispo; große Begeisterung aller Betroffenen.
Es ist erst 8 Uhr und ich habe bereits 20x gesagt, „Ich habe keine Ahnung, aber ich gehe nachfragen und sage Ihnen gleich Bescheid“. Der Grund ist immer der Gleiche: „Was ist das für ein Pulver? Das kenne ich nicht, das muss ich daheim nicht nehmen.“
Mein hohes Alter ist dabei kein Vorteil, regelmäßig werde ich aufgrund meines höchst seriösen Erscheinungsbildes als Frau Doktor angesprochen. Zumindest wird von mir erwartet, dass die alte Frau richtig viel Ahnung von ihrem Job hat. Die Überraschung/Enttäuschung ist jedes Mal groß, wenn ich mich als Praktikantin oute.
Nun folgt mein Lieblingspunkt auf der Tagesordnung: die Körperpflege. Sie können sich nicht vorstellen, was man aus einer an sich recht banalen Tätigkeit für einen Eiertanz machen kann! Selbstverständlich gibt es hygienische Grundlagen, die zu beachten sind. Aber ansonsten kann man hier eigentlich alles nur falsch machen. Vor allem, wenn dich so eine Schwester Petra mit 30 Dienstjahren dabei mit Argusaugen überwacht. Ihre spezielle Art, den Waschlappen zu halten, ist nämlich die einzig korrekte. Und warum habe ich zuerst den rechten Arm gewaschen und nicht den linken? Gestern war ich zu großzügig mit der Hautcreme, heute zu geizig. Und wo habe ich eigentlich gelernt, einen Zopf zu flechten? Entschuldigung, Petra, ich wusste nicht, dass die palliativ versorgte Patientin heute noch ausgehen möchte, sonst hätte ich mir in der Nacht noch schnell ein YouTube-Tutorial reingezogen, „Französischer Zopf für Dummies“.
Überhaupt ist das so eine Sache mit den Eigenheiten der Krankenschwestern. In diesem Fall wähle ich bewusst die veraltete Berufsbezeichnung und die weibliche Form. Denn zumindest meiner persönlichen Erfahrung nach sind es meist ältere Damen, die den Job schon lange machen, die sich für die Crème de la Crème der Pflege halten und ihren jüngeren Kollegen und Praktikanten damit – je nach deren Resilienz und Persönlichkeitsstruktur – gewaltig auf die Eier gehen oder das Leben zur Hölle machen.
Ich bin Mitte 40 und nun wirklich nicht patschert, hilflos oder auf den Mund gefallen, gebe mich aber seit einem Jahr äußerst devot, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich bin jedem dankbar, der mir etwas beibringt oder von dem ich mir etwas abschauen kann. Ich habe auch sehr großen Respekt vor der Erfahrung langgedienter Krankenschwestern. Aber bei Beleherungen über die korrekte Parkposition des Essenswagens, nämlich exakt (!!) parallel zur Schrankwand und mit genau (!!) zehn Zentimetern Abstand zur Teestation, hört sich die Dankbarkeit auf und das Schauspielern beginnt. Und nein, die Lady wollte mich nicht frotzeln, die meint das ernst – die Einparkdefizite ihrer Kollegen korrigiert sie nämlich auch.
Dann gibt´s da noch die Kolleginnen, die den ganzen Tag lang herumlaufen wie von der Tarantel gestochen, überall Hektik verbreiten, dabei sogar die Patienten stressen, und keinen Handgriff abgeben möchten, weil sie sonst eventuell nicht Mitarbeiterin des Monats werden oder sie jemand gar der Faulheit bezichtigen könnte. Das tun sie selbst nämlich bei Kollegen, die es wagen, sich einige Sekunden zu setzen. Sitzen kann man zu Hause! Für die ist jeder Praktikant ein Störenfried, weil wir grundsätzlich zu langsam sind, ihren über Jahre hinweg perfektionierten, sekündlich getakteten Ablauf durcheinanderbringen, von dem man keinesfalls abweichen darf, und ihnen – Gott, bewahre! – Arbeit abnehmen könnten. Nimmt man sich dann zurück, hält sich im Hintergrund und versucht, wenigstens durch Beobachten möglichst viel zu lernen, werden einem mangelnde Motivation und ausbaufähige Selbstständigkeit unterstellt.
Da ich nach 4–5 Wochen ohnehin wieder weg bin, möchte ich mich mit niemandem anlegen, das zahlt sich gar nicht aus. Ich versuche also, zu allen Kollegen ein gutes oder schlimmstenfalls neutrales Verhältnis zu pflegen. Manche Menschen machen es einem aber wirklich nicht leicht!
Das mit den Eigenheiten ist nicht nur personenbezogen, sondern auch stationsbezogen. Was auf der Inneren Medizin richtig war, ist auf der Chirurgie falsch, was dir Schwester Burgi gezeigt hat, sieht Schwester Karin aber ganz anders, was im Krankenhaus A so dokumentiert werden muss, hat im Krankenhaus B völlig anders zu lauten. Was richtig und was falsch ist, welche Utensilien man verwendet, in welcher Reihenfolge und wann etwas stattzufinden hat und wer dafür zuständig ist, ändert sich mitunter alle fünf Minuten, je nachdem, wen man fragt. Oder auch nicht fragt – vollkommen gegensätzliche Anweisungen kommen auch ungefragt daher, sobald die eine Kollegin das Zimmer verlässt und die nächste eintritt. Manche Praktikumstage gleichen einem Minenfeld. Zumindest ist jedes neue Praktikum wie eine Partie Monopoly: Zurück an den Start!
Was wir an der Fachhochschule in der Theorie und in den praktischen Übungen lernen, hat mit der Realität im Arbeitsalltag oft nur ansatzweise Ähnlichkeit. Sich daran zu orientieren ist also oft auch keine Option.
Ich habe das für mich so gelöst, dass ich mir gute, anerkannte Fachliteratur zugelegt und die Experten des Robert-Koch-Instituts zu meinen Gurus erklärt habe. In den Lehrveranstaltungen richte ich mich nach den Dozenten, in den Praktika nach den Launen und Vorlieben des sich täglich ändernden Teams und im Zweifelsfall sowie bei wirklich heiklen Tätigkeiten konsultiere ich meine Bücher. Oder Gurus.
An der Fachhochschule erzählt man uns regelmäßig, wir sollen doch bitte in den Praktika darauf hinweisen, wenn etwas nicht mehr State of the Art gehandhabt wird. Immerhin seien wir die Experten der Zukunft und legen, da die Pflege vor einigen Jahren akademisiert wurde – was ich übrigens durchaus positiv sehe! – sehr viel Wert auf wissenschaftliche Evidenz und stetige Weiterentwicklung.
Ha! Na, sicher! Ich sehe mich schon beim Ringkampf mit Schwester Petra, nachdem ich ihr erklärt habe, dass sie den Waschlappen doch nicht in Vollendung hält, weil der Winkel zwischen Daumen und Zeigefinger nicht der aktuellen Norm entspricht.
Sollte mich jemand fragen, wie dieses oder jenes aktuell unterrichtet wird, da die eigene Ausbildung zum Teil schon Jahrzehnte zurückliegt, gebe ich gerne Auskunft. Das kam bis jetzt 1x vor, wenn ich mich nicht verzählt habe. Ansonsten hat jeder mit seiner Meinung recht und am meisten recht haben die mit der lautesten Meinung.
Ich möchte Ihnen aber natürlich nicht die vielen tollen Kollegen unterschlagen, die uns Auszubildenden auf Augenhöhe begegnen, die sich daran erinnern können, dass auch sie nicht als Profis vom Himmel gefallen sind, die uns an ihrer Erfahrung teilhaben lassen und die stolz sind, wenn sie mitbekommen, dass man ihre Tricks nicht nur registriert hat, sondern nun auch selbst anwendet. Die gibt es natürlich auch. Und sie sind Gold wert. Vielen Dank an dieser Stelle!
Die täglich wechselnde Team-Konstellation in der Pflege ist etwas, was mir ehrlichgesagt gar nicht gefällt. Jeder Dienstantritt ist wie eine Überraschungstüte, manchmal sind lauter tolle Sachen drin und manchmal weiß man gar nichts damit anzufangen. Es gibt Tage, da läuft´s einfach, da rennt der Schmäh, da kann es noch so stressig oder dramatisch werden, es passt. Und dann gibt es Tage, da weiß man beim Betreten des Aufenthaltsraums schon, dass das heute verdammt lange zwölf Stunden werden. Dieses Unberechenbare und Wechselhafte ist nicht meins, soviel kann ich nach einem Jahr nun sagen.
Außerdem bin ich ganz einfach nicht der Typ Lästerschwester und damit oft zum Schweigen verdammt. Ich rede nämlich lieber mit als über Menschen. Wenn ich mit jemandem etwas klären möchte, dann mache ich das unter vier Augen, erst recht, wenn es dabei um einen Fehler geht. Und Fehler passieren ganz einfach. Jedem!
Ich habe jedenfalls den Eindruck, die täglich wechselnden Team-Zusammensetzungen bieten einen idealen Nährboden für Klatsch, Tratsch und Gerüchte. Die Gschichtln werden dabei von Tag zu Tag interessanter und detailreicher. Das ist wie beim Spiel Stille Post. Als Praktikantin mit 40-Stunden-Woche bin ich viel regelmäßiger im Dienst als die meisten Kollegen, von denen viele in Teilzeit arbeiten. Daher bekomme ich oft nicht nur den (meist banalen) Vorfall selbst mit, sondern auch, wie sich seine mündliche Überlieferung von Tag zu Tag selbst übertrifft.
So, vom Aufenthaltsraum zurück in die Patientenzimmer. Nach der Körperpflege darf ich meist die ärztliche Visite begleiten, was eine super Ergänzung zu meinen Pathologie-Vorlesungen ist. Wann immer dabei für mich eine Naht- oder Klammerentfernung, das Entfernen diverser Drainagen, eine Wundversorgung, das Schreiben eines EKGs oder das Legen eines Katheters anfällt, bin ich glücklich. Nichts gegen Körperpflege, aber lieber hantiere ich mit Schläuchen als mit Waschlappen.
Wenn sich die Möglichkeit ergibt und der Patient einverstanden ist, darf ich auch bei Untersuchungen und Operationen zusehen. Mir ist das wichtig, da viele Patienten Fragen und Ängste rund um ihre Behandlung haben, und ich nicht immer antworten möchte, „Ich habe keine Ahnung, aber ich gehe nachfragen und sage Ihnen gleich Bescheid“. Es reicht ja schon, dass ich einen Magenschoner nicht von einem Blutdruck-Pulverl unterscheiden kann. Noch nicht.
Außerdem finde ich das alles unheimlich interessant, vor allem, wie so ein Mensch von innen aussieht, live. Vor Kurzem war ich zum ersten Mal aktiv an einer Operation beteiligt. Ich habe eine heruntergefallene Instrumentenverpackung aufgehoben und fachgerecht entsorgt. Operationen sind Teamwork, da zählt jeder Handgriff. Die Patientin ist bereits auf dem Weg der Besserung, ich bin extrem stolz auf mich.
Dass mir beim ersten Mal Zusehen ein lautes „Boah, geil!“ herausgerutscht ist, als der Patient plötzlich offen dalag, war mir ein bisschen peinlich. Die Chirurgen konnten hingegen herzlich über meine Begeisterung lachen und unterstellten mir eine falsche Jobwahl. Weitaus üblichere Reaktionen von Praktikanten sind nämlich wegschauen, bleichwerden oder umkippen, wie mir berichtet wurde.
Auf der Station geht es weiter mit einer erneuten Runde Medikamente und dem Mittagessen für die Patienten. Danach wäre ich dann oft selbst bereit für ein Mittagsschlaferl, mehr als 30 Minuten Pause für ein schnelles Essen in der Kantine sind aber leider nicht drin. Ich hatte Praktika, da kam ich zwölf Stunden lang kaum zum Sitzen, jeder Kaffee wurde mir kalt, weil ich nie genug Zeit hatte zum Austrinken und ans Wassertrinken mussten wir uns im Pflegeteam gegenseitig erinnern.
Abhängig von der Station sind viele Patienten oft nicht einmal mehr in der Lage, sich selbst im Bett zu bewegen, dementsprechend viel Zeit verbringt man mit laufenden Positionswechseln, Inkontinenzversorgung, Körperpflege und der Unterstützung beim Essen und Trinken. Oft zu zweit, wenn die körperliche oder kognitive Konstitution des Patienten es erfordert. Schluckstörungen stehen dort an der Tagesordnung, der Schnabelbecher ist allgegenwärtig. Manchmal hapert es sogar an der richtigen Abfolge bei der Flüssigkeitsaufnahme. So kam es, dass einer meiner bisherigen Lieblingskollegen am Bett nebenan einen Lachkrampf nicht mehr unterdrücken konnte, nachdem er mich minutenlang bei folgendem Mantra belauscht hatte, das ich meiner Patientin mit Engelsgeduld eingebläut hatte: Erst Saugen, dann Schlucken!
Für Erheiterung im Team sorgte ich auch, als sich herumgesprochen hat, dass ich gerade einer 92-jährigen Patientin erklärt habe, was die Wechseljahre sind, nachdem sie mir beim Blutdruckmessen mitgeteilt hatte, dass ihre Werte so schlecht seien, weil sie gerade die Regel habe. Wie sich herausgestellt hat, habe ich mich verhört. Sie sagte, „weil ich gerade geredet habe“. Reden soll man ja bekanntlich nicht beim Blutdruckmessen.
Andere Patienten können und sollen zwar aufstehen, sind aber alleine nicht sicher auf den Beinen oder zeigen wenig Motivation dazu. Da sorgen wir Pfleger dann dafür, dass sie nicht den ganzen Tag in der immer gleichen Haltung im Bett verbringen. Auch das ist mitunter körperliche Schwerstarbeit. Nicht jeder Patient wiegt 70 kg und beteiligt sich selbst an seiner Genesung …
Andererseits habe ich Stationen kennengelernt, auf denen die Patienten größtenteils selbstständig und mobil sind, da wird es für meinen Geschmack auch mal ein bisschen zu ruhig zwischendurch. Und damit sind wir beim zweiten Punkt meines Wiglwogls. Natürlich war mir klar, dass Pflege Schichtarbeit und fixe Arbeitszeiten bedeutet, bevor ich die Ausbildung begonnen habe. Da ich mein ganzes früheres Berufsleben lang weit mehr als 40 Wochenstunden gearbeitet habe, ging ich davon aus, dass mir das nichts ausmachen würde, fremdbestimmt war meine Arbeitszeit auch damals schon. Jetzt merke ich aber, wie viele Freiheiten ich dennoch hatte. Spontan ein paar Überstunden abbauen, wenn es doch mal überraschend ruhig ist – das ist schon viel wert.
Bereue ich deshalb meinen Berufswechsel bereits? Nein! Ich kann mir einen klassischen Bürojob ums Verrecken nicht mehr vorstellen.
Mit viel Arbeit komme ich gut zurecht. Kam ich immer schon. Mit Leerlauf bei gleichzeitiger Anwesenheitspflicht hingegen gar nicht. Sollten Sie einmal im Krankenhaus auf einer Station liegen, auf der wenig los ist, während ich gerade Dienst habe, können Sie ganz beruhigt sein. Es ist dann alles blitzblank desinfiziert. Mehrfach. Bevor ich gar nichts mache, putze ich.
Was übrigens auch oft nicht gerne gesehen wird, weil das Aufgabe des Reinigungspersonals ist. Sollte ich aber einmal die Teeküche nicht aufräumen, weil das ja Aufgabe des Reinigungspersonals ist, ist es auch wieder nicht recht. Dann bin ich mir nämlich zu schade für „niedere Arbeiten“ und halte mich für etwas Besseres als g‘studierte Pflegekraft. Sie merken, so ein Praktikant hat´s nicht leicht. Wie man´s macht, macht man´s falsch!
Bevor mein Dienst nach zwölf Stunden endet, gibt es eine erneute Runde durch alle Zimmer. Vitalwerte checken, Verbände kontrollieren und gegebenenfalls wechseln, Inkontinenzversorgung, Medikamente austeilen, Infusionen ab- und anhängen und die Patienten mit allem versorgen, was sie selbst nicht schaffen.
Wenn ich dann nach 14 Stunden, 2x Arbeitsweg und 2x Umziehen miteingerechnet, wieder zu Hause bin, bin ich selbst bereit für Medikamente, Infusionen und Versorgung mit allem, was ich selbst nicht mehr schaffe.

