Trotzurlaub am Hippiemarkt

Ich muss Ihnen etwas beichten, liebe Leserinnen und Leser, ich habe gesündigt. Ich habe gegen das elfte Gebot verstoßen: Du sollst akzeptieren deines Mannes Reisewünsche. Mein Mann wünschte eine Reise an die Nordsee oder Ostsee. Ich nicht.

Nachdem ich den ganzen Sommer im Pflegeheim und Krankenhaus verbracht habe, jeweils arbeitend, war mir noch so rein gar nicht nach Herbst und Nieselregen zumute. Ich träumte von Sonnenuntergängen über dem blauen Meer und gegrilltem Oktopus, nicht von trübem Wasser und Fischbrötchen.

Also präsentierte ich Herrn Flanell eine liebevoll kuratierte Auswahl erlesener Hotels in Griechenland und Süditalien, abseits des Touristentrubels und doch mit interessanten Ausflugsmöglichkeiten im näheren Umkreis. Nachdem er sämtliche Optionen abgelehnt hatte mit der Begründung, in einem idyllischen Hotel in traumhaft abgeschiedener Lage sähe er sich maximal als Hausmeister, aber sicher nicht als zu Tode gelangweilter Gast, schlug er scherzhaft vor, wir könnten doch auf Ibiza urlauben, dort sei wenigstens etwas los.

Da hatte ich nun also Stunden und Tage in die Urlaubsrecherche gesteckt für nix und wieder nix und als einziger Gegenvorschlag kam ein Witz.

Ibiza? Kann er haben!

Ich startete eine neue Hotel-Recherche. Normalerweise suche ich für Erholungsurlaube: kleines Hotel, ruhige Lage, gutes Frühstück, Meerblick. Keine Animation, kein Kinderpool.

Auf Ibiza musste ich die Herbergssuche jedoch anders angehen, wie ich schnell feststellte:

Bedeutung bei anderen ReisezielenBedeutung auf Ibiza
Gute LageGute LageNightlife und Clubs in Geh- und Hörweite
Schönes HotelSchönes HotelInstagramable, höchst egozentrisches Publikum
Gutes EssenGutes EssenKalorienoptimierte Protein-Bowls mit fancy Toppings, maximal fotogen

Also habe ich gebucht wie folgt: vollkommen durchschnittliches Hotel ohne Fotospots, Lage abseits aller Partyzonen, beliebt bei Airline-Personal. Was übersetzt soviel heißt wie sauber, gute Betten, vom Flughafen aus leicht zu erreichen. Mit mir nicht, Herr Flanell, mit mir nicht! Da hast du deinen Ibiza-Urlaub!

Na gut, ich gebe zu, was nach einem riesigen Reinfall mit Anlauf klingt, war nach einem früheren Besuch der Insel meinerseits durch Erinnerungen an schöne Orte, grüne Landschaften und versteckte Strände abgesichert. So viel kann sich ja in knapp 30 Jahren nicht verändert haben.

Den ersten Schock erlitten wir bereits bei der Busfahrt vom Flughafen nach Ibiza-Stadt. Was Ende der 90er-Jahre noch eine Gegend mit kleinen Strandhotels und -bars und einem einzigen Club weit und breit war, ist heute ein Konglomerat aus riesigen Bettenburgen, eine auffälliger als die andere, und Clubs (gefühlt jedes zweite Hotel hat einen eigenen), Merchandise-Megastores und mehreren sogenannten Hippiemärkten. Herr Flanell starrte die ganze Fahrt über entsetzt, kaltschweißig und ungläubig aus dem Fenster, ganz blass und kleinlaut war er plötzlich.

Zumindest kann ich nun behaupten, schon einmal Urlaub im berühmten Ushuaïa gemacht zu haben, in dem die Urlaubswoche pro Person so circa 6.000 Euro aufwärts kostet und wo am Pool DJs wie David Guetta auflegen. Vor ungefähr 30 Jahren halt, als es noch ein schnödes 3-Sterne-Hotel mit Buffet-Restaurant war, mit allabendlichem Club-Tanz am Pool und Karaoke, von Animateuren moderiert.

Auffällig waren nicht nur die neuen Hotels, sondern auch die offenkundige Ibiza-Uniform für Frauen: untenrum Cowboy-Stiefel, obenrum nichts. Also nicht vollkommen nichts, aber der Hauch von Polyester ist keine Erwähnung wert. Noch eine Etage höher aufgespritzte Lippen und aufgeklebte Wimpern. Ich gehe davon aus, die spärliche Oberbekleidung dient dem Ausgleich des Hitzestaus im Beinbereich – Stiefel bei über 30 Grad Außentemperatur –, und die langen, dichten Wimpern der Beschattung, anders kann ich mir diese interessante Kombination nicht erklären.

Ich erinnerte mich zurück an die Outfits meiner letzten Ibiza-Reise. 1999. Für heutige Verhältnisse kamen wir daher wie Klosterschwestern. Und -brüder. Auch die Männer-Outfits haben sich der aktuellen Damenmode angepasst. Dazu möchte ich aber anmerken, die heutige Ibiza-Belegschaft kann sich das leisten. In deren Alter, und auch jetzt noch, waren wir dünn, dick oder irgendetwas dazwischen. Aber absolut keiner von uns sah SO aus wie diese Menschen. Die haben sogar Muskeln an Stellen, an denen anatomisch gar keine Muskeln vorgesehen sind!

Zum Glück hielt unser Hotel, was die Website versprochen hatte. Völlig unspektakulär. Und auch die Altstadt von Ibiza ist noch genauso schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Selbst aus Dalt Vila, dem auf einem Hügel gelegenen, befestigten Teil der Altstadt, hat man erfeulicherweise kein Disneyland mit Souvenirläden gemacht wie andernorts. Und weil die Partysaison sich gerade dem Ende zuneigt und die Kreuzfahrttouristen erst später im Monat wie die Heuschrecken über die Stadt herfallen werden, war es erstaunlich ruhig und entspannt.

Die Entspannung sollte jedoch bald ein jähes Ende finden. Kommen wir zum zweiten Schock des Urlaubs: die Preise. Ich habe mich HIER einmal über die Reise-Preise in Europa beschwert. Ich nehme alles zurück! Richtiggehend billig haben wir in den letzten Jahren geurlaubt, verglichen mit Ibiza. Ich würde es gerne anders formulieren, allein mir fällt nichts Höflicheres ein: Die haben ja einen Vollschuss! Wenn Sie auf Ibiza einen entspannten Urlaub genießen möchten, hilft nur eines:

Hirn aus, Wurschtigkeitsmodus an!

Dem Himmel sei Dank sind Herr Flanell und ich nicht besonders schickimicki und fühlen uns mit einem Dosenbier von der Tankstelle auf einer einsamen Klippe genauso wohl wie andere Leute mit einem 70-Euro-Krug Sangria auf dem Sunbed mit 200-Euro-Mindest-Konsumation (pro Person) im Beachclub. Und auch ein frisches Baguette, ein bisschen Jamón und Chorizo und eine kalte Flasche Wein aus dem Supermarkt, am Balkon mit Blick aufs Meer genossen, können einen teuren Restaurantbesuch durchaus würdig ersetzen. Frische Meeresfrüchte, Fisch und eine traumhafte Tapas-Auswahl jedoch nicht, also muss man doch ab und zu ein Lokal aufsuchen. Und da hat man auf Ibiza wirklich die Qual der Wahl.

Apropos einsame Klippe. Neben einigen der besten Clubs der Welt ist Ibiza auch für seine Sonnenuntergangs-Zelebration bekannt. Auch wir wollen uns „das Spektakel“ nicht entgehen lassen. Wir entscheiden uns für den mystischen, magischen, sagenumwobenen, marketingtauglichen Felsen Es Vedra als Hintergrund-Kulisse. Ausgerüstet mit besagtem Dosenbier von der Tankstelle finden wir einen Parkplatz, von dem aus man zu Fuß eine Steilküste mit toller Aussicht auf das Meer und den Felsen erreicht. Wir sind bereits zwei Stunden vor Sonnenuntergang da, fast alleine, und gratulieren uns zu der Entscheidung, keines des überteuerten, überfüllten Sunset-Lokale angesteuert zu haben.

Einige Zeit genießen wir die Stille und den Ausblick, bevor nach und nach vollkommen unpassend gekleidete Frauen in eleganten, bodenlagen Kleidern und zum Teil in High Heels herbeistöckeln. Ein paar Männer auch, ohne High Heels. Ganz kurz wundere ich mich über das seltsame Publikum, das uns nun extrem underdressed wirken lässt, dann wird mir klar: Hier findet gleich ein Fotoshooting für Instagram statt. Alle in der gleichen, super individuellen Pose, vor der gleichen, super individuellen Kulisse.

Direkt neben uns sitzen nun zwei Mädels, von denen eine es schafft, nicht ein einziges Mal den Blick vom Smartphone und sich selbst abzuwenden, während die andere uns plötzlich auf Österreichisch anspricht, nachdem sie zuvor nur lupenreines Englisch mit ihrer britischen Begleiterin gesprochen hat. Ups! Man wird ja wohl noch ein paar Bemerkungen machen dürfen! Die letzte, von Herrn Flanell an mich gerichtet, bevor wir angesprochen werden: „Schatz, ich weiß, das ist dein Job, aber wenn die Tussi beim nächsten Foto noch einen Schritt nach hinten macht und die Klippe hinunter stürzt, springst du ihr nicht nach und leistest Erste Hilfe! Du tust einfach so, als hättest du nichts gesehen.“

Aus schlechtem Gewissen und weil er eigentlich ein höflicher Mensch ist – wenn er nicht gerade Content Creators über den Jordan gehen lässt – bietet sich Herr Flanell als Fotograf für die beiden Damen an. Die Österreicherin nimmt sein Angebot dankend an, die Britin würdigt ihn keines Blickes und will keinesfalls von einem alten Trottel fotografiert werden, der sie bestimmt nicht optimal in Szene setzt. Nachdem ihre Freundin auf sie eingeredet hat, gibt sie widerwillig doch noch ihr Okay.

Nachdem er sich an den Insta-Models warmgeschossen hat, fragt Herr Flanell, ob ich nicht auch so ein schönes Foto von mir mit Sonnenuntergang im Hintergrund haben möchte. Na gut, warum nicht? Es wurden dann fünf Fotos, bevor er aufgab: einmal habe ich die Augen zu, auf dem nächsten kratze ich mich an der Nase, dann folgt eines, auf dem ich einen Buckel mache, am vierten weht es mir Sand ins Gesicht und am fünften habe ich einen hysterischen Lachanfall. „Du bist so schirch auf Fotos!“, sagt er, und meint es äußerst liebevoll.

Einmal haben wir uns mittags versehentlich (akuter Durst und Hunger) doch in einen der Beachclubs verirrt. Was soll ich sagen? Ich habe in meinem Leben doch schon das eine oder andere ausgezeichnete Lokal besucht, aber ein Flying Oyster Service hatte ich noch nie. Da läuft ein Kerl durch den Beachclub, der hat einen Kübel mit frischen Austern auf Eis umgeschnallt und einen Lederhalfter mit verschiedenen Saußen dazu. Blöd nur, weder Herr Flanell noch ich essen Austern. So kamen wir jedoch wenigstens nicht in die Verlegenheit, beim Preis so tun zu müssen, als könnten wir uns das leisten. Abschließend kann ich zu dem Beachclub nur sagen: wieder eine Erfahrung … ärmer.

Sich in den finanziellen Ruin stürzen kann man auf Ibiza nicht nur beim Essen und Trinken, sondern auch beim Shoppen. Früher gab es hier eine Handvoll Märkte, auf denen die Hippies, die in den 60er- und 70er-Jahren als Aussteiger auf die Insel gekommen waren, selbstgefertiges Kunsthandwerk, Schmuck, Kleidung, Möbel etc. verkauften und sich damit ihren Lebensunterhalt finanzierten. Heute findet man einen „weltberühmten“ Hippiemarkt an jeder Ecke. Die Ware: Batik, Häkel, Muschelketten, alles made in China. Leben Sie am Land? Kennen Sie Kirtags-Standler? Et voilà, Hippiemarkt!

Coco Flanell am Hippiemarkt auf Ibiza

Keine Frage, Ibiza ist immer noch eine schöne Insel. Wenn man die Touristen-Pfade verlässt. Dazu braucht es nicht viel, es gibt ein gutes Bus-Netz und wunderschöne Strände und Buchten, für die man eben ein bisschen wandern muss. Mit einem Mietauto oder Moped ist man in kurzer Zeit überall, die Insel ist klein, die Wege nicht weit. Aber Ibiza zu besuchen, ohne viel Geld oder Interesse am Nachtleben (mehr) zu haben, ist vermutlich in etwa so sinnvoll, wie ein All-Inclusive-Hotel zu buchen, während man fastet. So einen Flanell’schen Oldies-Urlaub kann man deutlich günstiger haben, sogar in Europa.

Langer Rede kurzer Sinn: Es war ein sehr schöner Urlaub! Und unser letzter auf Ibiza. Nächstes Jahr fahren wir an die Nordsee. Oder die Ostsee.