Klassenkampf im Provinzspital

Vor Kurzem habe ich das erste Semester meiner Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin erfolgreich abgeschlossen. Einen Bericht über die Mühsal der theoretischen Prüfungen erspare ich Ihnen, stattdessen serviere ich Schmankerl aus meinem ersten Praktikum im Krankenhaus. Ja, so wird mein zukünftiger Berufsalltag aussehen. Und ja, ich mache das freiwillig.

Zimmer 11

Ich betrete das Zimmer, die Patientin aus Bett 1 sitzt neben dem Bett im Lehnstuhl, unter jedem Fuß eine Großpackung Inkontinenzhosen. Die Patientin aus Bett 2 zerlegt gerade ihr Bett und strahlt mich begeistert an. Ich bin verunsichert. War bei Patientin 1 ein kreativer Pfleger am Werk, um ihr durch das Aufbocken der Beine einen bequemeren Sitz zu ermöglichen, oder gehört das zu den Umbauplänen von Patientin 2?

Ich kann das Rätsel nicht lösen. Patientin 1 ist völlig empört, wo plötzlich die Windeln unter ihren Füßen herkommen, sie braucht doch bitteschön keine Windeln! Patientin 2 grinst mich zwar verschwörerisch an, ich halte sie dennoch für unschuldig, da sie schon den ganzen Vormittag ihrem Gatten beim Brennholzmachen hilft, wie sie mir erschöpft berichtet.

Lasse ich das nun so, oder räume ich die Inkontinenzhosen zurück in den Schrank? Ich entscheide mich für Ersteres und beschließe, diese kreative Möglichkeit der Höhenmodulation künftig selbst einzusetzen – es wird nicht die letzte Notlösung sein, die ich in diesem Praktikum benötige. Ich werde in den nächsten Wochen noch Kompressionsstrümpfe als Seil verwenden, Anti-Rutsch-Socken als Handschuhe, Mistkübel als spontane Duschhocker … Dass ich jahrelang von Herrn Flanell, seinem Vater und seinem Bruder in Provisorienwissenschaften unterrichtet wurde, kommt mir in meinem neuen Job sehr zugute, ich werde das bei zukünftigen Bewerbungen auf jeden Fall unter Stärken anführen.

Zimmer 5

„Schwester, wo ist der Spray für meinen Sack?“

„Herr Josef, mit Körperpflege kenne ich mich wirklich gut aus und ich bin mir sicher, einen Sack-Spray haben wir nicht.“

„Aber gestern habe ich mir den Sack eingesprüht.“

„Na, vielleicht haben Sie ein Deo dafür verwendet, das gehört aber nicht auf den Sack, sondern unter die Achseln.“

„Nein, das war kein Deo. Sowas brauch‘ ich nicht.“

Ratlos studiere ich die Utensilien auf Herrn Josefs Bettschrank bis mein Blick auf ein Pflegeöl mit Pumpspender fällt. Eigentlich wird das Öl als Prophylaxe gegen Wundliegen eingesetzt, aber ich versuche mein Glück. „Ah, jetzt habe ich Ihren Sack-Spray gefunden!“ Ich reiche Herrn Josef das Öl-Fläschchen. Er gibt sich damit zufrieden. Und seinen Hodensack wird er sich dank mir auch nicht wundliegen. Ich finde, das habe ich gut gemacht. Was ein Sack-Spray ist, weiß ich indes bis heute nicht – auch die erfahrenen Krankenschwestern konnten mir diesbezüglich nicht weiterhelfen.

Am Tag darauf erwartet Herr Josef Besuch. Daher möchte er nicht nur untenrum, sondern auch obenrum adrett aussehen, also unterstütze ich ihn bei der Nassrasur. Aufgrund eines Nervenleidens zittert Herr Josef stark, Nassrasur zählt also nicht zu seinen Stärken. Zu meinen auch nicht, wie sich herausstellt. Nachdem ich mit dem Rasieren fertig bin und wir gemeinsam mein Werk im Spiegel bestaunen, frage ich ihn, ob er seinen Besuch nicht lieber um ein paar Tage verschieben möchte. Nein, dafür sei es jetzt schon zu spät, die Dame wäre bereits unterwegs.

Tapfer empfängt Herr Josef seine Bekannte, im Gesicht ein Mosaik aus Taschentuchfetzerln, die ich sorgfältig Stück für Stück mit Wasser angefeuchtet und auf die blutenden Schnittwunden geklebt habe. Diese Technik wende ich seit Jahrzehnten sehr erfolgreich an mir selbst an, es handelt sich also durchaus um eine evidenzbasierte Methode zur Blutstillung nach der Nassrasur. Die in Wundversorgung diplomierte Kollegin, die Herrn Josef derart dekoriert vorfindet, ist anderer Meinung.

Als Herr Josef sich am Tag seiner Entlassung bei mir für die gute Betreuung bedankt, bin ich überrascht, aber gerührt. „Mach’s gut, Puppi, und pass‘ auf dich auf!“, sagt er und humpelt von dannen.

Zimmer 8

„Herr Bader, Sie waren bei einer Untersuchung, als es Abendessen gegeben hat. Soll ich Ihnen etwas aufwärmen?“

Aus dem Nebenbett meldet sich Herr Alfred, 60 Jahre alt: „Ich hätte da unter der Decke auch was zum Aufwärmen!“, zwinker, zwinker.

„Selbstverständlich, bei welcher Krankenkasse sind Sie denn versichert?“

„Gebietskrankenkasse.“

„Oje, tut mir leid, die deckt Aufwärmen unter der Bettdecke nicht ab. Einen Eisbeutel zur Abkühlung kann ich Ihnen anbieten.“

Unangenehme Situation mit Humor gemeistert, denke ich mir, check! Doch jetzt wird Herr Bader, 64 Jahre alt, aktiv: „Ich bin übrigens privat zusatzversichert, Schwester!“.

„Gut, meine Herren, meine Schicht ist zu Ende. Ich gebe natürlich all Ihre Wünsche noch an die Nachtschicht weiter. Pfleger Jörg kümmert sich dann gerne darum!“

Meine Arbeit in Zimmer 8 besteht neben Vitalzeichenkontrolle und dem Abhängen leerer Infusionen hauptsächlich aus verbaler Selbstverteidigung und transzendentaler Meditation für Fortgeschrittene. Besonders Herrn Alfred plagen schon im Jänner massive Frühlingsgefühle.

„Schwester Coco, machst du eigentlich auch Hausbesuche?“ Herr Alfred hat es aufgegeben, mich zu Siezen.

„Herr Alfred, ich bitte Sie, jetzt reißen Sie sich aber zusammen! Ich bin 45, Sie sind 60 – Sie könnten mein Großvater sein!“

Nach ein paar Tagen Dienst in Zimmer 8 weiß ich, warum ich nicht mehr 25 sein möchte. Um Himmels Willen, ist das anstrengend!

Coco Flanell im ersten Pflegepraktikum

Zimmer 1

Frau Putzer residiert in einem der wenigen Zweibettzimmer der Station, da sie Sonderklasse-Patientin ist. Was sie unter Sonderklasse versteht, macht sie dem Pflegepersonal oft und deutlich klar, das hat aber sehr zu ihrem Leidwesen mit der wahren Bedeutung von Sonderklasse nichts zu tun. Deshalb fühlt Frau Putzer sich stets schlecht behandelt und versäumt keine Gelegenheit, ihren Unmut zu äußern.

Frau Putzers Sonderklasse-Versicherung umfasst die Unterbringung in einem Zweibettzimmer, vorausgesetzt, die Auslastung der Station lässt das zu, weiters die freie Wahl des operierenden Arztes und eine Tageszeitung zum Frühstück.

Frau Putzer hingegen phantasiert von einem Einzelzimmer (oder maximal einer stummen Zimmergenossin) und persönlichem Butlerservice. Manchmal fällt auch das Wort „Hotel“. Dass sie gefälligst nicht dreißig Minuten auf ihren Tee warten möchte, nur um dann die falsche Sorte serviert zu bekommen, ist ja wohl klar.

Es ist 8 Uhr, ich hatte gestern 12 Stunden Dienst und habe anschließend kurz, aber schlecht geschlafen. Gleich nach dem heutigen Dienstantritt habe ich dabei geholfen, im Eiltempo mehrere Patienten aufgrund eines Virus zu isolieren. Frau Putzer veranstaltet ein Konzert mit der Bettglocke.

Ich eile in ihr Zimmer und rechne mit dem nächsten Notfall. Frau Putzer beschwert sich, dass ihre Tageszeitung fehlt.

Also laufe ich ins Foyer zu den Ständern mit den Gratis-Zeitungen und schnappe mir ein Exemplar der „Heute“. Auf dem Rückweg bleibe ich beim Kiosk stehen und kaufe ein dickes Hochglanzmagazin.

Ich bringe Frau Putzer die „Heute“, bitte sie nochmals um Verzeihung für die Nachlässigkeit und entschuldige mich bei ihrer Bettnachbarin, dass nur Sonderklasse-Patienten eine Tageszeitung bekommen. Dann lege ich der Bettnachbarin das Magazin auf ihr Tischchen und erkläre ihr, dass es seit Neuestem Zeitschriften zum Frühstück gibt. Leider nur für normalversicherte Patienten.

Zimmer 3

„Sagen Sie gefälligst Danke zur Schwester!“

„Frau Meier, das ist schon in Ordnung, Frau Huber meint es nicht böse. Sie hat eine Krankheit, bei der man oft sehr verwirrt ist und nicht mehr alles so genau mitbekommt.“

„Aber wenn einem geholfen wird, dann bedankt man sich. So hab‘ ich das gelernt, ich bin noch vom alten Schlag. Und die Frau Huber ist auch alt, die sollte das auch wissen.“

„Da gebe ich Ihnen Recht, ich sehe das auch so. Aber Frau Huber ist nicht unhöflich, sondern krank.“

„Ich bin auch krank, deshalb kann ich mich trotzdem bedanken.“

„Ja, aber Sie haben sich den Oberschenkel gebrochen und Frau Huber ist dement. Das sind zwei völlig unterschiedliche Krankheiten, das kann man überhaupt nicht vergleichen.“

„Aber eine Krankheit ist keine Ausrede, man muss immer höflich sein.“

„Ich suche ja auch keine Ausrede für das Verhalten von Frau Huber, sondern versuche Ihnen zu erklären, dass sie sich aufgrund ihrer Krankheit nicht aussuchen kann, wie sie sich verhält und was sie sagt. Sie ist nicht absichtlich unhöflich, sie erlebt das hier ganz anders als wir beide.“

„Aber Sie sind doch immer so freundlich zur Frau Huber, Schwester. Frau Huber, jetzt sagen Sie gefälligst Danke!“

Abgang Schwester Coco.


PS: Diesen Patienten geht es den Umständen entsprechend gut. Patienten mit schweren Schicksalen würde ich nicht für Anekdoten heranziehen. Alle Namen wurden selbstverständlich geändert.