Highway to Hell

Ich lebe in einer Kleinstadt am Land, direkt an der Autobahn zwischen Hauptstadt und Arsch der Welt. Oder am Highway to Hell, wie ich ihn inzwischen liebevoll nenne. Aufgewachsen bin ich an besagtem Arsch der Welt, erwachsen geworden in der Hauptstadt. Mit der Entscheidung für ein Leben in der Kleinstadt wollte ich die Vorteile beider Welten kombinieren.

Ich träumte vom Einkaufen in der idyllischen Fußgängerzone anstatt auf der überlaufenen Shoppingmeile, wollte mich aber nicht zwingend ins Auto setzen müssen für ein Kilo Brot und einen halben Liter Milch. Sonntags wollte ich regionale Schmankerl im Gasthaus genießen anstatt mich für den neuesten Foodtrend in eine Warteschlange zu stellen, zum Wirten wollte ich aber nicht fahren müssen, sondern zu Fuß gehen können. Ruhe und Ausgleich wollte ich beim Gärtnern finden, Blumengießen am Balkon war mir zu wenig, 3.000 m² Grund in Schuss zu halten schien mir aber auch nicht erstrebenswert.

Nun ja. Die ehemals einladende Einkaufsstraße besteht mittlerweile aus einem 1-Euro-Shop, zwei türkischen Herrenfrisören, einem Barbershop, zwei Kebaplokalen und einigen leerstehenden Geschäften. Sämtliche Wirtshäuser der Stadt wurden in den letzten Jahren geschlossen und was die Ruhe angeht …

Wie überall am Land herrscht auch in meiner Nachbarschaft gerade „Almauftrieb“: die Gartensaison hat begonnen. Es ist Samstag. Pünktlich um 8 Uhr trete ich in Uniform – unförmige Gummischlapfen, unförmige Jogginghose, dazu eine unförmige Jacke – aus dem Haus, bereit, die Welt zu erobern. Für den Anfang tut’s auch der eigene Garten.

Mein Blick fällt sofort auf einen sehr schönen, sehr teuren Jaguar. Den hat ein Nachbar aus der Wohnungsanlage schräg gegenüber gestern Nacht direkt vor dem Flanell’schen Anwesen geparkt, weil vor seiner Tür kein Parkplatz frei war. Schon wieder.

Damit habe ich gar keine Freude. Nicht, weil ein Jaguar vorm Haus unter meinem Niveau wäre (schämen würde ich mich hingegen für den klassischen Midlife-Crisis-Porsche). Auch nicht, weil ich den öffentlichen Parkplatz vor meinem Haus als meinen Privatgrund betrachte – was ich selbstverständlich tue, ich lebe am Land.

Sondern, weil der Jaguar den einbruchhemmenden Eindruck des Vorgartens ruiniert, in den Herr Flanell und ich sehr viel Planung und Gewitztheit investiert haben. Geld eher nicht so. Die ausgeklügelte Mischung aus archäologischer Grabungsstätte und ökologischer Unkrautzucht, gerahmt von einem verfallenden Zaun, ist also mitnichten auf Faulheit oder Geiz zurückzuführen! Wir wollen damit ein ganz klares Zeichen setzen: „Lieber Einbrecher, sieh‘ selbst, es gibt hier nichts zu holen, hier residieren die Flodders!“. Dass unser Vorgarten der Schandfleck der Siedlung ist, nehmen wir schweren Herzens in Kauf. Manchmal muss man ein Opfer bringen. In unserem Fall: den guten ersten Eindruck.

Ich habe kaum damit begonnen, mir einen Überblick über die Spuren zu verschaffen, die der lange Winter im Garten hinterlassen hat, da höre ich aufgebrachtes Geschrei vom Haus gegenüber. „Des is Privaaaaatgrund, du Oaschloch!“ Nachbar K. kann sich gerade noch beherrschen, den unbekannten Autofahrer, der es gewagt hat, in seiner Einfahrt zu wenden, nicht aus dem Wagen zu zerren und zu verprügeln. So ein gesetzloser Mitmensch aber auch, wie kann er sich nur erdreisten!

Ich beobachte die Szene in geduckter Haltung aus einem sicheren Versteck zwischen Hausecke und Gebüsch heraus und schäme mich für Nachbarn K. in Grund und Boden. „Willkommen am Land!“, möchte ich dem unbekannten Autofahrer mit Wiener Kennzeichen zurufen, will es mir mit meinem Nachbarn aber nicht verscherzen, jetzt, wo der sich als ungehobelter Rüpel geoutet hat. So einen muss man sich warmhalten! Sollte ich einmal jemanden einschüchtern müssen, weiß ich, an wen ich mich wende.

Inzwischen ist es 9 Uhr. Pünktlich auf die Minute versammelt sich das Gartengeräte-Orchester für die allwöchentliche Matinee. Die heutige Besetzung: Georg am Kärcher, Herbert an der elektrischen Heckenschere, Nachbar K., der sich an irgendetwas abreagieren muss, am Laubbläser, Coco Flanell am Rasenmäher. Die Rhythmus-Abteilung übernimmt der Neue von Hausnummer 72 mit dem Rüttler. Diesmal am Programm: Beethoven, Ode an die Gartenfreude. Wir geben alles.

Kurz vor Mittag ist unser Auftritt beendet, nun übernimmt Franz von nebenan die Programmgestaltung. Franz von nebenan hat eine Terrasse, die so nahe an meiner eigenen Terrasse dran ist, dass wir uns beinahe gegenseitig Wein nachschenken könnten, ohne den jeweiligen Tisch verlassen zu müssen. Das ist aber gar nicht so vorteilhaft, wie es klingen mag.

Franz von nebenan und ich haben eine platonische Affäre quer über den Gartenzaun. Gärtnerlatein ist unsere Love Language. Er bewundert mich für meine Expertise in vergleichender Düngerwissenschaft, ich lasse mich bereitwillig bewundern.

Franz von nebenan ist 80 Jahre alt, schwer schwerhörig, besitzt kein Hörgerät, dafür aber einen unheimlich leistungsstarken Terrassen-Fernseher. Er liebt Sendungen aus den Genres Schlager und Volksmusik. Ich hasse Sendungen aus den Genres Schlager und Volksmusik. Zum Glück mag ich Franz von nebenan. Sonst müsste ich ihm gezwungenermaßen den Krieg erklären.

Wir Kleinstadtbewohner unterscheiden uns von Großstädtern in vielen Belangen. Zum Beispiel darin, wie wir uns fürs Wochenende schick machen. Neben meiner heutigen Alltags-Uniform aus aussortierter Reste-Kleidung gibt es auch noch die Gala-Uniform. Nein, weder Dirndl noch Trachtenjanker. Das stilbewusste Landei von Welt trägt zu besonderen Anlässen Strauss Workwear von Kopf bis Fuß. Unisex.

Weiters unterscheiden wir uns in der Art, wie wir uns gegenseitig über unseren jeweiligen Speiseplan auf dem Laufenden halten. Während Großstädter dafür einen Instagram-Account benötigen, verständigt man sich am Land nach wie vor mit Rauchzeichen. Begleitet von Duftwolken. So weiß ich zum Beispiel, dass die Müllers heute Koteletts hatten, die Friedrichs Berner Würstel und die Bauers Grillhendl. Und das, ohne einen einzigen Blick auf mein Smartphone geworfen zu haben.

Wie in jeder guten Nachbarschaft gibt es auch in unserer Siedlung die ungekrönten Sieger der Herzen. In unserem Fall handelt es sich dabei um eine sympathische junge Familie, die sich sehr zur Freude der restlichen Siedlungsbewohner ausschließlich schreiend verständigt. Die Kinder der Familie sind besonders liebenswert. Mit beneidenswertem Enthusiasmus und hingebungsvoller Ausdauer spielen sie im Garten Fußball. Gegen eine Betonwand. Täglich. Stundenlang. Es sei ihnen vergönnt, Sport ist so wichtig, dafür opfere ich gerne mein Bedürfnis nach Ruhe und meinen Seelenfrieden.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich möchte mich hier keinesfalls über meine Nachbarschaft erheben, mit dem Zeigefinger auf jemanden zeigen oder die Moralkeule schwingen. Auch ich spiele fürs Team Hell. Aber sowas von!

Coco Flanell ist in der Kleinstadthölle gelandet

Als Akt der Dankbarkeit für die rücksichtsvolle Dauerbeschallung durch die entzückende Familie habe ich soeben sämtliche tragbaren Lautsprecher, die ich im Haus finden konnte, im Gebüsch an der Grundstücksgrenze platziert und bei voller Lautstärke eine mit Herzblut eigens für diesen Zweck kuratierte Playlist aus Trash Metal und Eunuchen-Gesang angeworfen. An der werden sich meine Lieblingsnachbarn die komplette kommende Woche lang täglich erfreuen dürfen. Diese Saison weht hier ein anderer Wind!

Sollte die Botschaft nicht ankommen, habe ich bereits einen Plan B. Einer meiner Nachbarn war früher einmal Bestatter … An den Fußball denke ich. Den Fußball!

Willkommen in der Hölle Kleinstadt!
Ihre Coco Flanell