Gestern Abend hatte ich eindeutig zu viel GV. Dabei habe ich mir noch gesagt, „Coco Flanell, halt dich zurück, du wirst langsam zu alt für solche Eskapaden. Du wirst wieder tagelang auf allen Vieren daherkommen“. Habe ich auf mich gehört? Natürlich nicht.
Es ist immer das Gleiche. An manchen Tagen habe ich mich einfach nicht im Griff. Ist es der Mond, sind es die Hormone? Keine Ahnung. Es macht aber auch keinen Unterschied, denn ich könnte ohnehin nichts daran ändern, selbst wenn ich es wüsste. Na jedenfalls, an diesen Tagen habe ich einfach unheimlich Lust auf GV.
Sie kennen das doch sicher auch. Sie sind in Stimmung, Ihre Gesellschaft ist charmant und mit etwas Glück auch noch attraktiv, man unterhält sich angeregt und nach und nach fallen die Hemmungen. Und schon sind sie dahin, die guten Vorsätze.
Schon als ich noch daheim in der Badewanne gelegen bin und ein „Ägyptisches Kleopatrabad“ zur Einstimmung auf den Abend genommen habe, hatte ich so ein Gespür.
Heute könnte ich seit Langem eventuell einmal wieder den A treffen und wenn der A da ist, wird es immer gefährlich für mich. Irgendetwas hat der an sich, zu dem ich nicht Nein sagen kann. Er soll jedenfalls gerade in der Gegend sein, munkelt man.
Drei Stunden später. Ich – Marke Elizabeth Taylor für Arme, man weiß ja nie – betrete betont lässig den Stammheurigen und scanne den Raum nach bekannten Gesichtern ab. Also eigentlich nach dem A, aber das würde ich nie zugeben.
Jackpot! Auf die Gerüchteküche ist Verlass. Da hinten sitzt er mit ein paar gemeinsamen Freunden und grinst mich an. Der A weiß genauso gut wie ich, wie das heute wieder enden wird. Also, auf geht’s …
CF: Hi, *Bussi links, Bussi rechts*, lange nicht gesehen, alt schaust‘ aus!
A: Man tut, was man kann. Du hast aber auch schon wieder zugelegt, oder?
Das Spiel ist eröffnet. Der Tisch bestellt die erste Flasche Wein.
A und ich kennen uns schon seit gefühlt immer. Wir sind weder befreundet, noch waren wir jemals liiert. Und besonders viel Interessantes oder Nettes zu sagen haben wir uns eigentlich auch nicht, wir verstehen uns mehr auf nonverbaler Ebene. Dort dafür blendend. Was ab der zweiten Flasche Wein durchaus von Vorteil ist, weil zumindest meine Zunge schön langsam schwerer wird.
Der A misst 1,90 Meter. Bei ihm verteilen sich die Achterl deutlich besser im Körper und schlagen sich nicht so schnell aufs Sprachzentrum. Punkt für ihn. Dafür hat er seine Grobmotorik nicht mehr ganz im Griff, er hat soeben das zweite Glas Wasser umgeschüttet. Vielleicht liegt es auch an mir. Egal, Gleichstand.
Wir beschließen, zu gehen, bevor es zu spät ist. Der Abend soll ja nicht beim Heurigen enden. Die anderen möchten lieber noch bleiben. Das trifft sich gut.
A: The same procedure as every year, Miss Coco?
CF: The same procedure as every year, A!
A hat ein Wochenendhaus ganz in der Nähe.
Wissen Sie, was noch peinlicher ist, als angeheiterte Jugendliche, die ihren Eltern vorspielen, nüchtern zu sein, wenn sie von der Party nach Hause kommen? Zwei angeheiterte Erwachsene, die sich gegenseitig vorspielen, nüchtern zu sein.
Während A mehrere Anläufe gebraucht hat, um mit dem Schlüssel ins Schlüsselloch zu treffen, sich aber nichts anmerken lassen wollte, habe ich mich mit einem Ohrring im Türkranz verheddert, an den ich mich lässig angelehnt hatte, um mein Torkeln zu verbergen. Die Szene hätte direkt aus „Fifty Shades of Grey“ sein können, so verführerisch war das. Und schmerzhaft.
Der A ist ein Kavalier der alten Schule. Nonchalant hat er mir aus dem Ohrring geholfen, bevor er mich bat, meinen Mantel doch bitte nicht einfach fallen zu lassen, sondern an die Garderobe zu hängen.
Verdammt, schon wieder ein Punkt für ihn – er weiß genau, dass ich die Nummer mit dem Mantel vor dem Spiegel geübt habe.
Schön langsam haben wir genug von unserem Vorspiel. Wir wissen doch beide, warum ich noch mit zu ihm gekommen bin. A will endlich zur Sache kommen. Ich auch.
Er holt aus der Küche zwei Weingläser und zündet eine alte Laterne an. So vorsichtig, wie wir noch können, steigen wir die Treppe in den Weinkeller hinunter. Am liebsten machen wir es dort unten, bei Kerzenschein.
A kommt viel herum und bringt von seinen Touren oft Wein mit nach Hause. Manchmal denkt er dabei auch an mich. Andächtig öffnet er nun die Flasche, die er diesmal für mich mitgebracht hat, und schenkt uns ein.
Gespannt und gleichzeitig unverschämt selbstsicher schaut er mir in die Augen und wartet auf meine Reaktion. Game over, Coco Flanell, mit diesem Blick kriegt er dich jedes Mal …
Es kommt, was kommen musste. Alles andere ist jetzt Nebensache. In dieser Nacht habe ich mit A den besten GV meines Lebens.
Anlässlich Niederösterreichs fünfter Jahreszeit,
auf einen vielversprechenden GV-Jahrgang 2025!

Anmerkung: Während Sie hier üblicherweise die Wahrheit und nichts als die Wahrheit lesen, habe ich für diese Schmonzette in die literarische Trickkiste gegriffen und ein bisschen etwas durcheinandergebracht – gestern jedenfalls war ich weder beim Heurigen, noch habe ich mich in einem fremden Weinkeller vergnügt.
