Neues Jahr, neues Glück

Eigentlich habe ich mich gerade an den Laptop gesetzt, um meine Arbeitnehmerveranlagung zu erledigen. Jedes Jahr um ungefähr diese Zeit nehme ich mir das vor. Leider bleibt es so gut wie immer beim Vornehmen. Die Umsetzung scheitert stets daran, dass ich ein unheimlich beschäftigter Mensch bin und für Sachen wie Steuererklärungen, Versicherungen, Vorsorge, Finanzen und was Erwachsene sonst noch so zu interessieren hat eigentlich überhaupt keine Zeit habe. Sollten Sie eine ehrenamtliche Tätigkeit als Sekretär*in in Betracht ziehen, bitte melden Sie sich bei mir! Ich biete sinnstiftende Aufgaben und selbstverständlich einen gratis Obstkorb. Letzteren setzen Sie dann bitte als Werbungskosten von meiner Steuer ab!

Nachdem ich gestern beschlossen hatte, dass heute der alljährliche Tag des Grauens sein soll, habe ich aus lauter Vorleid – das Gegenteil von Vorfreude – noch schlechter geschlafen als sonst. Daher bin ich heute auch bereits um 5 Uhr aufgestanden, habe die Kaffeemaschine eingeschaltet, den Lazarus-Modus aktiviert, mir einen dreifachen Espresso zubereitet und mich damit an den Schreibtisch gesetzt.

Der Laptop war gerade hochgefahren, ich wollte soeben die Website des Finanzamts aufrufen, da ist mir ein Unglück passiert. Ich bin mit dem Zeigefinger der rechten Hand von der Maus abgerutscht, habe dabei die Anzeige eines bekannten Sportartikelherstellers touchiert und unabsichtlich zwei Jogginghosen gekauft.

Beim letztjährigen Lohnsteuerausgleichs-Versuch ist mir etwas Ähnliches passiert. Da bin ich auf dem Weg zur Finanzamts-Website knapp vor dem Ziel falsch abgebogen, habe mich kurz darauf in einem Onlineshop für Anlassmode wiedergefunden und ein rotes Ballkleid erstanden. Nicht, dass ich jemals auf Bälle ginge, aber das Kleid war um 70 Prozent heruntergesetzt und ich somit völlig wehrlos. Es hängt jetzt im Schrank zwischen dem silbernen Glitzerkleid (Restposten) und dem schwarzen Spitzen-Dirndl (Totalabverkauf) und wartet dort vergeblich auf einen Einsatz.

Ich befürchte, ich leide an der gleichen psychischen Beeinträchtigung wie Großwildjäger. Wir jagen vollkommen ohne Sinn und Zweck rein um des Jagens Willen. Unterscheiden tun wir uns dabei lediglich im Budget.

Wenn Sie mir etwas verkaufen möchten, das ich gar nicht benötige, haben Sie wirklich leichtes Spiel. Sie müssen nur den richtigen Zeitpunkt abpassen – ich shoppe hauptsächlich dann, wenn ich eigentlich Erwachsenenzeugs erledigen sollte –, um dann einen der folgenden Joker auszuspielen: „Stark rabattiert“ oder „Nur noch ein Stück vorhanden“. Glückwunsch, schon haben Sie mir irgendein Klumpat angedreht, das ich nie haben wollte!

Dank dieser uralten Marketing-Schmähs erfülle ich nicht nur das von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner ausgerufene Soll von drei Ballkleidern pro Frau, sondern besitze auch eine sogenannte Flotte Lotte. Das kam so:

Ich hatte einige Bank- und Versicherungsangelegenheiten zu erledigen, also setzte ich mich ins Auto und fuhr … zum örtlichen Einrichtungshaus. Arglos flanierte ich durch die Gänge, als ich auf besagte Flotte Lotte stieß. Sie war stark reduziert und es gab nur noch ein Stück davon. So ein Ding hatte ich das letzte Mal vor Jahrzehnten bei meiner Großmutter gesehen. „Da schau her, das gibt’s noch, wer, bitteschön, braucht sowas noch?“, dachte ich mir und ging weiter. Da hörte ich, wie hinter mir eine ältere Dame zu ihrem Gatten sagte, „Jö, schau, eine Flotte Lotte, meine wird eh schon kaputt!“.

In dieser Sekunde mutierte ich zum Raubtier. „Neeeein! Das ist meeeeine Flotte Lotte!“ Ich wirbelte den Einkaufswagen um 180 Grad herum, hechtete zurück zum Regal, riss die Flotte Lotte an mich und lief damit davon. Zurück blieben ein verstörtes Ehepaar und ein leeres Regalfach. In meinem Einkaufswagen war das gute Stück erstmal sicher, zurücklegen konnte ich es ja immer noch.

Spoiler: Ich habe die Flotte Lotte natürlich nicht zurückgelegt, ich bitte Sie! Das Teil war stark reduziert UND ein Restposten!

Nun können Sie sich auch ausmalen, wie ich völlig unschuldig zu einem vollausgestatteten Heimfitnesscenter gekommen bin. Die armen Geräte fristen jetzt irgendwo zwischen originalverpackt und unbenutzt ein erbärmlich langweiliges Dasein in meinen vier Wänden. Nichteinmal ihren Hauptzweck als Kleiderständer erfüllen sie, das finde ich nämlich höchst unästhetisch, das kommt nicht in Frage.

Als ehemalige Psychologie-Studentin und Marketing-Fachfrau schäme ich mich fürchterlich dafür, ein derart leichtes Opfer zu sein. Ich brauche dringend eine neue Bewältigungsstrategie für unliebsame Aufgaben – für Fehlkäufe habe ich keinen Platz mehr.

Coco Flanell präsentiert ihre Fehlkäufe.
Coco Flanell präsentiert eine Auswahl ihrer Fehlkäufe.

Ganz grundsätzlich bin ich für mühsame Arbeit ja durchaus zu haben. Baustelle, Haushalt, Garten – alles kein Problem, nur her damit! Aber, bitte, bleiben Sie mir fern mit Bürokratie und Formularen! Ich beginne sonst augenblicklich, wild um mich zu prokrastrinieren und einen juckenden Ausschlag bekomme ich obendrein.

Die Diagnose ist eindeutig: hochgradige Administrationsallergie im Endstadium, unheilbar. Es braucht schon einen sehr ansehnlichen monetären Anreiz, wenn jemand von mir erwartet, irgendwelche Zahlen in irgendwelche Formulare zu tippen. Was tut man nicht alles für Geld!

Womit wir wieder beim Finanzamt wären. Heute wird das leider nichts mehr mit der Arbeitnehmerveranlagung, ich habe mir nämlich beim Abrutschen von der Maus die Hand verstaucht und muss mich jetzt dringend schonen. Aber nächstes Jahr dann, ganz bestimmt!