Traumschiffimdoppelpackfeiertage oder wie der Grinch wirklich zum Grinch wurde

Wie ich bereits zu Ostern berichtet habe, hab ich’s nicht so mit der Religion. Und mit den dazugehörenden Brauchtümern auch nicht. Damit ich an den diversen Feiertagen jedoch nicht die einzige bin, die nichts zu feiern hat, bastle ich mir meine eigenen Traditionen, auf die ICH mich dann freuen kann wie ein Kind auf Weihnachten.

Teil 1: The making of the Grinch

Mein Mangel an christlichem Enthusiasmus hat sich schon als Kind offenbart, unterbrochen wurde er nur von einer kurzen Episode rund um die Erstkommunion. Zu diesem Anlass bekam ich nämlich ein in weißes Kunstleder gefasstes „Gotteslob“ mit goldener Prägung geschenkt, dazu einen Original-Plastikrosenkranz aus Lourdes. Gläubig war ich zwar danach immer noch nicht, aber die katholischen Werbegeschenke zeigten Wirkung. Religion vs. Kapitalismus, 0:1.

Der Rosenkranz ging leider bereits am ersten Tag kaputt, als ich versucht habe, ihn als Kette zu tragen. Vielleicht war er doch nicht „Made in heaven“, sondern „Made in China“. Später erfuhr ich dann: Mein Modell war gar keine billige Fehlkonstruktion, die meisten handelsüblichen Rosenkränze sind weniger als Modeschmuck denn als Bet-Instrumente gedacht. Oder als Dekoration.

Apropos Deko, für ungefähr zwei Wochen ab der Erstkommunion besaß ich sogar einen eigenen Altar in meinem Kinderzimmer, der liebevoll mit dem Gotteslob, dem kaputten Rosenkranz und einer zufällig in meinen Besitz geratenen Kerze aus der örtlichen Kirche geschmückt war. Jeden Abend habe ich mich vor meinen Altar gekniet und andächtig gebetet. Sprich, meine Wünsche ans Christkind aufgezählt, in ein paar Monaten war ja bereits Weihnachten. Und Gott weiß, ich hatte viel zu beten!

Überboten wurde mein Drang zu beten nur durch mein unbändiges Bedürfnis nach einer ausgiebigen Beichte. Das war nicht nur jährliches Lernziel für minderjährige Sünder im katholischen Religionsunterricht, sondern ab der Erstkommunion angeblich auch verpflichtend. Im Unterricht haben wir Kinder praktischerweise auch gleich den Wortlaut für die Beichte gelernt, weil uns phantasielosen Anfängern partout keine verwertbaren Sünden einfallen wollten.

Der arme Gemeindepfarrer musste sich also Jahr für Jahr 100 Varianten von in etwa dieser Beichte anhören: „Lieber Gott, sei mir nicht bös‘, ich hab‘ meinen Bruder gehaut. Und gebissen auch. Aber er hat es sich verdient. Jetzt ist alles ist wieder gut, wir spielen sogar wieder miteinand‘. Tschuldigung! Simma wieda gut, wenn ich – sagen wir mal – so ca. drei „Vater Unser“ bete?“.

Die Einzelkinder waren arm dran, die mussten sich mangels verprügelter Geschwister irgendeine andere Sünde aus den Rippen leiern. Um ihres Nächsten Weib zu begeheren, waren sie noch zu jung, also haben sie meistens Vater und Mutter nicht ausreichend geehrt.

Nach zwei Wochen war jedenfall Schluss mit meiner Post-Erstkommunions-Frömmigkeit, ich brauchte den Altar als Rennstrecke für lebende Weinbergschnecken.

Der religiöse Reigen zog also fortan Jahr für Jahr relativ unbemerkt an mir vorüber, unterbrochen wurde meine Ignoranz nur durch Ostern (Geschenke) und Weihnachten (mehr Geschenke).

Irgendwann kam, was kommen musste. Ich wurde zu alt für gute Geschenke. Ich wurde nämlich erwachsen, und Erwachsene bekommen in meiner Familie nur noch praktische Geschenke. In meinem Fall waren das: ein Kochbuch mit 18 Jahren – ich habe erst mit 35 Jahren kochen gelernt. Ein Topfset mit 19 Jahren – ich habe erst mit 35 Jahren kochen gelernt. Ein Druckkochtopf mit 20 Jahren – ich habe erst mit 35 Jahren kochen gelernt.

Mit Anfang 20 hatte ich nicht einmal eine Küche. Ich hatte eine mobile Herdplatte für Nudeln und einen Mini-Kühlschrank für Bier. Ich war ohnehin nie zu Hause. Meine Mutter hat den Zaunpfahl dennoch vollkommen unbeeindruckt von meiner fehlenden Küche und Kochlust so heftig geschwungen, als hätte sie dafür extra Unterricht bei der russischen Staatsmeisterin im Hammerwerfen genommen.

Als meine Abstellkammer endgültig aus allen Nähten geplatzt ist vor lauter ungenutzten Kochutensilien, musste ich mich schweren Herzens aus Platzgründen von Weihnachten abwenden, woraufhin mein Herz aus lauter Gram zu einer vertrockneten Rosine verschrumpelt ist. Fortan nannten mich die anderen Dorfbewohner nur noch „der Grinch“. Genau so hat sich das damals zugetragen, liebe Kinder!

Die wahre Geschichte des Grinch ist derartig traurig, dass Hollywood eine Verfilmung abgelehnt hat und stattdessen Dr. Seuss´ rührselige Geschichte von den gestohlenen Weihnachten verfilmte, deren Antiheld – Zufälle gibt´s! – genau den gleichen Namen trägt wie ich. Aber anstatt mir anstandshalber wenigstens die Rolle des Grinch anzubieten, engagierten sie Jim Carrey.

Damit war Weihnachten für mich endgültig gestorben. Und mein Religionsbekenntnis aus lauter Trotz gleich mit ihm. Ich trat aus der Kirche aus.

Da stand ich nun und brauchte ein spirituelles Ersatzprogramm für die stillste Zeit im Jahr. Shoppen kam schon mal nicht infrage, ich war ja nun nicht mehr katholisch. Von Punsch wird mir schlecht und Basteln ist mir zu gefährlich, seitdem die Klebstoffe so hochentwickelt sind, dass … ach, diese Geschichte erspare ich Ihnen.

Bei der Gestaltung der Adventszeit war mir jahrzehntelang freundlicherweise mein jeweiliger Arbeitgeber behilflich, seit heuer kümmert sich meine Fachhochschule darum. Um ein Programm für die Vorweihnachtszeit brauchte ich mir also zum Glück nie Gedanken zu machen.

Für die eigentlichen Feiertage habe ich mir selbst eine Ersatz-Tradition einfallen lassen, an der ich bis heute festhalte:

Teil 2: The Grinch on tour

Na, haben Sie sich in den letzten Wochen bei diversen Punschständen und Weihnachtsfeiern schon ein bisschen warmgetrunken für den fulminanten Höhepunkt der Wintersaison? Jetzt ist er jedenfalls gekommen, der Heilige Abend. Schon wieder. Ich könnte schwören, der letzte ist noch keine zwölf Monate her.

Während Sie also in Kürze mit glänzenden Augen – sei es vor Rührung, sei es der Glühwein – vorm Christbaum stehen, muss ich mich noch zwei Tage länger gedulden, bis die große Party steigt.

Mein erster heiliger Abend ist der Abend des 26. Dezember – Stefanitag in Ihrer Zeitrechnung. Da reise ich nämlich mit Kapitän Schlagerboom alias Florian Silbereisen alias Max Parger und seiner Traumschiff-Crew nach Bora Bora.

Deshalb habe ich mich in den letzten Wochen auch nicht am allgemeinen Punschbesäufnis und Kekserlwettessen beteiligt. Ich möchte nämlich eine Bikinifigur haben, wenn ich mit Kapitän Parger durch die Südsee cruise.

Für seinen stattlichen Vorgänger, Kapitän Burger, gespielt von Sascha Hehn, habe ich sogar vor jeder Reise wochenlang eifrig – und überaus erfolglos – an einem Waschbrettbauch gearbeitet. Für Kapitän Parger muss ich mir diese Tortur zum Glück nicht mehr antun, der ist nämlich selbst auch keine Augenweide. Aber bitte, vergleichen Sie selbst:

Die Traumschiff-Kapitäne Victor Burger und Max Parger
Traumschiff-Kapitän Victor Burger mit seinem Nachfolger, Kapitän Max Parger

Sie tun mir ja fast ein bisschen leid, wirklich! Während Ihnen nämlich mit Silvester die letzte heiße Partynacht vor einem langen, kalten Winter bevorsteht, darf ich mich nach dem Jahreswechsel gleich auf meinen zweiten heiligen Abend freuen. Anstatt wie der Rest der Welt meinen Sekt-Rausch auszuschlafen, verreise ich am Neujahrstag nämlich schon wieder mit dem Traumschiff, diesmal nach Südafrika.

Die tollsten Abenteuer habe ich in den letzten 25 Jahren an meinen Ersatz-Heiligen-Abenden erlebt.

Ich war dabei, als Kapitän Paulsen, Doktor Schröder und Chefhostess Beatrice – Neptun hab‘ sie alle selig – unermüdlich die Welt umrundeten, ohne auch nur ein einziges Mal seekrank zu werden. Ich erlebte mehr Heiratsanträge als die Bachelorette und der Bachelor zusammen. Ich sah mehr Liebesdramen als Rettungswesten, fand zahllose verlorene Söhne zwischen Pooldeck und Bordboutique wieder und lernte: Auf dem Traumschiff ist alles möglich, sogar die Flucht vor der Shampoo-Mafia. Traumschiff, das ist Fernweh mit Schlagobers, Drama mit Meerblick und das sichere Wissen, dass sich am Ende jeder Reise jedes noch so große Problem in Luft aufgelöst haben wird.

Coco Flanell verreist mit dem Traumschiff

Wo ich schon überall mit dem Traumschiff gewesen bin! Argentinien, Hawaii, Thailand, Tirol …

Tirol? Das Tirol in Österreich? Ja, das Tirol in Österreich! Es handelte sich dabei keineswegs um eine Halluzination – ich habe das im Fernsehprogramm überprüft. Vielmehr hatten meine Mitreisenden und ich es am Neujahrstag 2021 mit einem waschechten Wunder zu tun: einer Kreuzfahrt nach Tirol. So etwas, meine Damen und Herren, erlebt man nur auf dem Traumschiff!

Wo wir gerade bei Wundern sind: Ich wünsche auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wundervolle Feiertage!

Frohe Weihnachten
oder, wie es bei uns Seefahrern heißt,
Leinen los!
Ihre Coco Flanell

Bild: (C) Dirk Bartling, DPA/ZDF | Video: (C) ZDF, 1983/84