Klassische Anfängerfehler

Der erste Monat meiner Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin verlief vollkommen ereignislos, wenn man von der Amputation eines männlichen Geschlechtsteils und zwei Toten absieht.

Coco Flanell ist ein kleines Malheur passiert

Seit Studienbeginn sind bereits einige Wochen vergangen, Zeit für ein kurzes Lebenszeichen an dieser Stelle. Sofern man das nach so kurzer Zeit überhaupt beurteilen kann, würde ich sagen, ich habe mich für die richtige Ausbildung entschieden.

Sollten auch Sie überlegen, mit ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel ins Pflege-Studium einzusteigen: Nur zu, Sie werden sich in guter Gesellschaft finden! Meine Befürchtung, die Klassenmama mit 25 Jahren Altersvorsprung und ganz anderen Lebensumständen, Interessen und Herausforderungen zu sein, war vollkommen unbegründet. Ein Viertel meines Jahrgangs ist 40+ und damit bilden wir keine Ausnahme, soweit ich gehört habe.

Nicht, dass ich ein Problem mit jungen Leuten hätte, ganz im Gegenteil. Ich habe immer schon am liebsten in buntgemischten Teams gearbeitet. Aber der Schmäh rennt unter Kollegen der eigenen Generation doch ganz anders und ein paar Dinge bespricht man auch lieber mit Menschen, die wissen, wovon die Tante da schwafelt.

Einige Dinge ändern sich wohl auch in höherem Alter nicht, sobald man die Schulbank drückt. Wenn die Lehrperson von pudern spricht und in den letzten Reihen – dort haben wir Oldies uns zusammengerottet – das große Kichern ausbricht, wird schnell klar, Erwachsene finden sich auch ganz hinten im Lehrsaal nicht. Gemeint war übrigens das Pudern im Sinne von Körperpflege, aber bitte, die Frau Lehrerin hat pudern gesagt, selbst schuld!

Den zeitlichen Aufwand der Ausbildung habe ich zugegebenermaßen unterschätzt. Der spricht ganz klar für ein Studium in jungen Jahren, während man noch bei den Eltern wohnt oder zumindest nur eine kleine Wohnung oder WG zu erhalten hat. Meine Freizeit geht aktuell gegen null, da ich neben dem Unterricht an der Fachhochschule, dem Selbststudium zu Hause, diversen Gruppen- und Seminararbeiten und 1,5 Stunden täglichem Pendeln mit dem Auto auch noch ein paar Kleinigkeiten wie Einkaufen, Kochen, Putzen, Wäschewaschen, Gartenarbeit, Werkstatttermine etc. zu erledigen habe. Ich kann Herrn Flanell das ja nicht alles in Alleinverantwortung umhängen, wie käme er dazu. Hut ab vor meinen Kollegen mit Kindern, ich weiß wirklich nicht, wann sie Zeit für ihre Familien finden.

Den absoluten Minimalismus, den ich zu Schulzeiten praktiziert habe, kann ich mir jetzt nämlich nicht mehr leisten. Diesmal geht es um Verantwortung für Menschen, nicht um Lernstoff, bei dem mir klar war, dass ich ihn nie wieder im Leben benötigen würde. Stenographie zum Beispiel, obwohl das Diktiergerät längst erfunden war. Oder Religion, obwohl ich bereits als Teenager weder religiös noch gläubig war. Auch integriert, differenziert und kurvendiskutiert habe ich seit meiner Matura im Jahr 1999 selten bis nie.

Seit Studienbeginn habe ich leider eine ganz neue Seite an mir entdeckt: Ich neige neuerdings zum Prokrastinieren. Mein ganzes Berufsleben lang war ich der Typ „was erledigt ist, ist erledigt“, wenn es um unliebsame Aufgaben oder schwierige Herausforderungen ging. Momentan tendiere ich zum Aufschieben bis zur letzten Minute. Das muss sich ganz schnell wieder ändern, sonst steuere ich auf eine Katastrophe zu, namentlich Anatomie-Prüfung.

So ein durchschnittlicher Mensch besteht aus schätzungsweise 57.231 Einzelteilen (bitte nageln Sie mich nicht darauf fest!), wenn wir von den Billionen Zellen absehen, und alle haben einen vollkommen bescheuerten lateinischen Namen. Ich lese freiwillig und sogar zum Vergnügen Goethe, Joyce und Kafka, aber bei solchen Sprachungetümen steige ich aus:

Das extraglomeruläre Mesangium füllt den Raum zwischen der Macula densa und den Glomerulusarteriolen (Vas afferens und Vas efferens) aus, beinhaltet ca. 30 relativ platte Zellen, die grundsätzlich denen des Mesangiums gleichen, eingebettet sind in eine basalmembranartige Extrazellulärmatrix und über Nexus untereinander sowie mit den juxtaglomerulären Zellen und den Leiomyocyten der Glomerulusarteriolen verbunden sind.

Bitte merken Sie sich das, man kann das immer wieder mal gebrauchen!

Ich als angehende Pflegerin muss so etwas jedenfalls wissen, weil ich ja eigentlich Ärztin werden wollte und mich bloß, patschert wie ich bin, bei der Inskription vertan habe. So stellt sich mein Anatomie-Professor das zumindest vor.

Der ist praktischerweise auch mein Physiologie-Professor, daher ist auch das Tempo und Niveau in der Vermittlung der Lebensvorgänge und biophysikalischen Funktionsweisen des Organismus – nun ja – sportlich. Mein Rechnungswesen-Trauma aus Schulzeiten bekommt gerade ernstzunehmende Konkurrenz, dabei hatte ich mich so auf die Fächer Anatomie und Physiologie gefreut, weil ich mich ja grundsätzlich für so ziemlich alles außer Rechnungswesen interessiere, wie meine Stammleser bereits wissen.

Ach ja, das mit dem amputierten Penis wollte ich Ihnen noch erzählen. Da ist mir im Praxis-Unterricht ein kleines Malheur passiert und das kam so: Im Pflegelabor, einer realitätsnah nachgebildeten Krankenhausstation inklusive Dummy-Patienten, sollte ich einen Herren waschen, der wohl ein bisschen genant ist, denn urplötzlich hat er vor Schreck und ohne Vorwarnung seine Geschlechtsteile abgeworfen und ich stand blöd da mit meiner „Beute“ in der Hand. Ich schwöre, das ist mir in 30 Jahren Nahkontakt mit Männern noch nie passiert! Und ich dachte, ich hätte so ziemlich alle ersten Male bereits hinter mir.

So unauffällig wie möglich habe ich versucht, das Ding wieder an den Mann dranzufummeln, gelungen ist mir das eher schlecht, fragen Sie die Kollegin, die nach mir mit Waschen dran war. Die hat sofort erkannt, dass da anatomisch etwas ein bisschen missglückt war.

Sie haben übrigens keine Vorstellung davon, was Pfleger in Gedanken für ein Programm abspulen und alles beobachten, beurteilen und beachten müssen, während sie ihren Patienten bei der Körperpflege behilflich sind, dabei alles so selbstverständlich und belanglos wie möglich wirken lassen und zur Ablenkung und Aufmunterung ein bisschen Smalltalk führen. Wenn möglich auch noch individuell auf den Patienten abgestimmten, es soll ja persönlich und nicht beliebig wirken. Chapeau! Zum Glück war ich schon zweimal Komparsin bei Filmproduktionen und durfte Schauspieler hautnah bei der Arbeit beobachten, was in etwa einem Studium am Lee Strasberg Theater & Film Institute gleichkommt und mir in der Praxis unheimlich helfen wird.

Apropos erstes Mal. Im Erste-Hilfe-Kurs sind mir bedauerlicherweise nicht nur die zu reanimierende Puppe, sondern auch die Kollegin, die mir bei der Wiederbelebung zur Hand ging, verstorben. Schuld war aber meiner Meinung nach nicht ich, sondern der Defibrillator. Der ist nämlich eine ziemliche Fehlkonstruktion, müssen Sie wissen. So ein wichtiges Gerät muss man doch bitte deppensicher gestalten! Wegen der User Experience wär’s und damit es für den Vernotfallten nicht die letzte Experience wird. Jedenfalls hat der Hersteller nicht mit mir gerechnet – ein gravierender Fehler bei der Definition des dümmsten anzunehmenden Users!

Wo ich im Jänner mein erstes Praktikum absolvieren werde, verrate ich Ihnen lieber nicht. So ein Krankenhaus ist ja im Grunde genommen auch nur ein wirtschaftlich zu führender Betrieb und ich möchte natürlich keine potenziellen Kunden vertreiben. Ich habe 26 Jahre im Marketing gearbeitet, das sitzt tief.

In diesem Sinne, bleiben Sie lieber gesund!
Ihre Coco Flanell